Zu seinem letzten großen Wahlkampfmeeting genau eine Woche vor der Stichwahl am 6. Mai hat Nicolas Sarkozy gestern noch mal alle verfügbaren Geschütze aufgefahren. In der Mehrzweckhalle von Paris-Bercy gab sich alles, was Rang und Namen hat, die Klinke in die Hand: Sänger wie der Altrocker Johnny Hallyday, der Rennfahrer Alain Prost, Schauspieler, Fernsehmoderatoren, Philosophen, aktuelle Regierungsmitglieder. Dazu je nach Angaben bis zu 30000 Menschen, die aus Platzmangel teilweise das Spektakel auf einer Großbildleinwand vor der Halle verfolgten. Eine sehr amerikanische, sehr beeindruckende Inszenierung. Genau darum ging es auch: die Konkurrentin der Parti socialiste sollte beeindruckt sein.
Nach mehreren Kurzauftritten von Künstlern und einigen Vorrednern (siehe obiger Eintrag), griff Sarkozy selbst eine Stunde lang zum Mikrofon. Seine Kernthematik: "die Erben der 68er-Revolution", die "versucht haben uns weiszumachen, dass es keine Hierarchie der Werte gibt, [...] keinen Unterschied zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Richtigen und dem Falschen, dem Schönen und dem Hässlichen." Unter Sarkozys Präsidentschaft solle mit dem "moralischen und intellektuellen Relativismus" Schluss sein, denn dem Kandidaten der UMP mache "das Wort Moral keine Angst".
Sarkozy brachte die Einführung einer Dosis Verhältniswahl bei den Parlamentswahlen zu einem ungenannten Zeitpunkt ins Gespräch. Schon sein Sprecher Brice Hortefeux hatte vor zwei Wochen vorgeschlagen, das reine Mehrheitswahlsystem abzuschaffen. Damals wurde dieser Vorschlag als Geschenk an die Front National von Jean-Marie Le Pen gewertet, für die die absolute Mehrheitswahl auf nationaler Ebene eine unüberwindbare Hürde ist. Selbst Sarkozy tat den Vorstoß seines Vertrauten als "persönliche Meinung" ab, die "mich nicht bindet".
Eine Pressesprecher der UMP präzisierte heute morgen, dass das Verhältniswahlsystem erst zur übernächsten Parlamentswahl 2012 und nicht zur kommenden am 10. und 17. Juni zur Debatte stehe.
Außerdem erneuerte Sarkozy seine Lockrufe in Richtung Zentrum und versicherte den Bayrou-Wählern, ihre Werte seien den seinigen nahe. An die UDF-Parlamentarier gerichtet sagte Sarkozy: "Da Bayrou mit der UDF Schluss machen will, sage ich den Abgeordneten der UDF, die mich unterstützen, dass sie, freie Männer und Frauen wie sie es sind, in der neuen Mehrheit des Präsidenten willkommen sind." Tatsächlich binden sich immer mehr UDF-Parlamentarier an Sarkozy, als letztes deren Fraktionssprecher in der Nationalversammlung sowie Bayrous Sprecher.
„Der Geheimpakt, den François Bayrou ablehnte“ - so titelte die Sud Ouest. Bei einem Lesergespräch im Bordelaiser Sitz der Tageszeitung erzählte Bayrou von einer „Allianz gegen Chirac“, die ihm der frisch gewählte UMP-Chef Sarkozy vor drei Jahren vorgeschlagen habe. „Wir werden die Jungen spielen und ihn aufs Abstellgleis schieben, den Alten“, habe Sarkozy getönt. Bayrou habe abgelehnt, seitdem herrsche zwischen den beiden Kälte.
Ein Freund Sarkozys, in dessen Haus das Treffen stattgefunden haben soll, bestätigte inzwischen das Gespräch des UMP-Chefs mit dem UDF-Chef, dem er aber nicht beigewohnt habe. Die Anekdote wurde erst jetzt bekannt, gut sechs Wochen nachdem sie Bayrou in kleinem Kreis erzählt hatte. Am Vorabend der Veröffentlichung des aus dem Lesergespräch entstandenen Interviews habe Bayrou darum gebeten, die entsprechenden Passagen nicht zu drucken.
"Frankreich braucht niemanden, der seine Ideen genauso oft wechselt wie seine Röcke" - der Spruch fiel heute beim großen Abschlussmeeting des UMP-Kandidaten Sarkozy. Wer könnte diesen Satz ausgesprochen haben, der vor Machotum nur so trieft? Doch nicht etwa Sarkozy selbst? Nein, der Preis für den dümmsten Spruch des Wahlkampfes geht nicht an einen Mann, sondern... an Michèle Aillot-Marie, die aktuelle Verteidigungsministerin. Dabei hatte die UMP-Ministerin Anfang des Jahres nur zähneknirschend von einer Präsidentschaftskandidatur zu Gunsten Sarkozys abgesehen. Schwer vorstellbar, dass sie sich dieses Niveau für ihren eigenen Wahlkampf gewünscht hätte. Und der Beweis, dass wir in der Politik von einer Normalisierung der Verhältnisse zwischen beiden Geschlechtern noch weit enfernt sind.
Gemessen an dem Hype, der zur Zeit François Bayrou und seine Partei UDF umgibt, könnte man meinen, der Zentrist sei für die Stichwahl am 6. Mai qualifiziert. Doch das ist bekanntermaßen weit gefehlt: Auch wenn Bayrou im ersten Wahlgang spektakulär zweieinhalb mal so viele Stimmen wie 2002 bekam, ist er nur Drittplatzierter und damit erster Verlierer. Wenn da nur nicht seine 6,8 Millionen Stimmen wären.
Im Gegensatz zu den Wählern der Kandidaten links von Royal und rechts von Sarkozy kann man die Stimmen Bayrous nicht quasi mechanisch einem der Finalisten zuordnen. Die Charmoffensiven der beiden Kandidaten in Richtung Bayrou begannen deshalb logischerweise mit der Verkündung der ersten Hochrechnungen, wie es der Zentrist selbst süffisant-verbittert bemerkte: "Ich, mit dem sich um 19.59 Uhr niemand abgeben wollte, bin absolut verführerisch, angenehm und sympathisch geworden. Man ist entzückt zu entdecken, wie sehr man sich zwischen 19.59 und 20.01 verändern kann."
Sarkozy stellte sich in seiner offiziellen Stellungnahme nach dem ersten Wahlgang als Beschützer der Armen und Schwachen dar. Außerdem habe er Bayrou angerufen, aber nur aus Mitgefühl und um ihn zu trösten, denn er könne seine Enttäuschung als Drittplatzierter verstehen. Leider habe der Zentrist seinen Anruf aber nicht angenommen, und für einen Rückruf habe Bayrou "keine Zeit gefunden", wusste Sarkozy.
Zweifel am Wahrheitsgehalt von Sarkozys Aussage sind erlaubt: In einer Pressekonferenz vor über 400 Journalisten gab Bayrou vergangenen Mittwoch zu verstehen, dass er Royal um einiges näher steht als Sarkozy. Werde der UMP-Kandidat zum Präsidenten gewählt, werde er "durch seine Nähe zu den Wirtschaftskreisen und den Medienmogulen, durch seine Vorliebe für Einschüchterung und Bedrohung, wie nie zuvor die [drei] Gewalten konzentrieren", befürchtete Bayrou. In Royals Programm erkenne er zwar "einen Staat, der sich um alles kümmert", besonders in Wirtschaftsfragen, trotzdem beginne der Zentrist zu verstehen, wen er nicht wählen werde, ohne explizit den Namen des UMP-Kandidaten auszusprechen. Ohnehin scheint Sarkozy nicht gut auf Bayrou zu sprechen zu sein, seit der 2004 seinen "Anti-Chirac-Plan" (Artikel folgt) ablehnte.
Sarkozys Avancen schienen bei Bayrou also eher auf unfruchtbaren Boden gestoßen zu sein, weshalb der UMP-Kandidat im Gegensatz zu Royal lieber die UDF-Abgeordneten in der Nationalversammlung bearbeitete. Mit Erfolg: Täglich machen sich bisher weitgehend unbekannte Zentrumspolitiker durch ihre Unterstützung Sarkozys einen Namen in der Öffentlichkeit. Zwei Drittel der insgesamt 29 UDF-Abgeordneten, darunter Vertraute Bayrous, haben so schon Sarkozy Treue geschworen.
Sarkozys Überzeugungsarbeit scheint folgendem Muster zu folgen: "Du willst wieder gewählt werden? - Okay, du unterstützt mich öffentlich, dafür stellen wir in deinem Wahlkreis keinen Gegenkandidaten bei den Parlamentswahlen im Juni auf." Nur so schaffte die UDF auch bei den letzten Wahlen 2002 den Einzug in die Nationalversammlung. Der Unterschied ist, dass die UDF inzwischen ihre Linie gewechselt hat.
Oder ihr Präsident dies zumindest versucht. Denn einige Abgeordnete scheinen Sarkozy vor allem deshalb zu unterstützen, weil ihre Wähler das erwarten. Andere, wie der UDF-Parlamentarier Philippe Folliot aus dem südlichen Departement Tarn, sehen das ein bisschen lockerer: "Wenn ich bei den Parlamentswahlen einen Gegenkandidat der UMP habe, wird die UMP bei den kommenden Kommunal- und Generalratswahlen [Departementsebene] die UDF gegen sich haben."
Neben dem Großteil der UDF-Abgeordneten der Nationalversammlung konnte Sarkozy andere hochrangige Namen für sich erobern. Pierre Albertini, von Bayrou vor zwei Wochen noch als "Bürgermeister der größten UDF-Stadt Frankreichs [Rouen]" gelobt, und François Goulard, UMP-Bürgermeister von Vannes, der Ende März noch offen Bayrou unterstützte und die UMP verlassen wollte, werden nach eigener Aussage beide Sarkozy wählen.
Royals Strategie diese Woche war auf jeden Fall medienwirksamer. Zuerst zeigte sie sich mit Persönlichkeiten, denen Bayrou und seine Wähler nahe stehen. Die PS-Kandidatin traf den ehemaligen Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors am Dienstag, mit ihrem Rivalen bei der parteiinternen Kandidateninvestitur Dominique Strauss-Kahn war sie am Mittwoch essen. Bayrou hatte sich vor dem ersten Wahlgang als Premierminister einen "jungen Delors" gewünscht und öffentlich Strauss-Kahn ins Spiel gebracht. Letzterer durfte bei Royals gestrigem Meeting eine Rede halten. Dazu kam eine Videobotschaft von Romano Prodi, der vor dem ersten Wahlgang seinen Freund Bayrou unterstützt hatte.
Der größte Coup Royals war aber ihr Vorschlag, mit Bayrou zu debattieren, um "Gemeinsamkeiten und Unterschiede" der Positionen beider Politiker herauszuarbeiten. Bayrou akzeptierte das Angebot auf seiner Pressekonferenz am Mittwoch und sagte, dass er eine Debatte mit Sarkozy ebenso akzeptieren würde, ein solches Angebot aber ausgeblieben sei.
Das Treffen mit Royal sollte ursprünglich am gestrigen Freitag vor Journalisten der Regionalpresse stattfinden, Bayrou bestand aber auf Fernsehpräsenz. Der Privatsender Canal Plus hatte sich am Donnerstag schon die Rechte gesichert, um dann am gleichen Abend einen Rückzieher zu machen - laut Royal und Bayrou gab es entsprechenden Druck aus dem Umfeld Sarkozys. Schlussendlich konnte die Debatte heute Morgen vor den Kameras des kleinen Kabelsenders BFM TV stattfinden.
Wirklich Neues kam dabei nicht zu Tage: Beide (Ex-)Kandidaten sind sich einig, dass die Lösung der Banlieue-Probleme, die Bildungspolitik und eine neue Dynamik für die Europäische Union absolute Prioritäten sind. Bayrou, dessen Hauptziel die Reduzierung der Staatsverschuldung war, kritiserte die Kosten von Royals Programm. Außerdem möchte er im Gegensatz zu Royal an der Verpflichtung festhalten, seine Kinder in die nächstgelegene Schule zu schicken, damit Eltern nicht je nach Ruf der Einrichtung aussuchen. Nicht verkneifen konnte Bayrou sich einen kleinen Seitenhieb angesichts Royals Forderung vom März, in jedem Haushalt solle eine Trikolore hängen.
Jetzt bleibt in den nächsten Tagen abzuwarten, wie weit die Annäherung zwischen Royal und Bayrou noch geht. Es ist durchaus möglich, dass die Parti socialiste eine Allianz mit der UDF eingeht oder die beiden gar in Bayrous Projekt einer neu zu gründenden "Demokratischen Partei" aufgehen. Der Begriff "Sozial-Demokratie", Synonym für eine Umorientierung der traditionellen Linken Richtung Zentrum, macht immer mehr die Runde.
Am Samstag um 0.00 Uhr beginnt die zweite Phase des offiziellen Wahlkampfs, während der alle Fernseh- und Radiosender beiden Kandidaten die gleiche Sendezeit einräumen müssen. Das Prinzip der Gleichheit ist vor der Stichwahl mit zwei Kandidaten naturgemäß einfacher einzuhalten, als es dies mit den zwölf Kandidaten des ersten Wahlgangs war.
Gestern und heute Abend standen für die beiden Kandidaten der Stichwahl am 6. Mai wichtige Fernsehtermine auf dem Programm. Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy waren jeweils einzeln in den 20-Uhr-Nachrichten des Privatsenders TF1 sowie in der Sendung "A vous de juger" (auf Deutsch: Urteilen Sie selbst!) des öffentlich-rechtlichen Senders France 2 zu Gast.
Beide begannen bei ihren Haussendern, wenn man nach dem Ruf beider Antennen und der Präferenz ihrer Zuschauer urteilt. Laut einer Umfrage des Magazins Télérama werden 36 Prozent des TF1-Stammpublikums Sarkozy wählen; das von France 2 zu 33 Prozent Royal. Die Chefs des Privatsenders TF1 sind Sarkozy zumindest wohlgesinnt. Die Redaktion von France 2, glaubt man immer wiederkehrenden Meldungen in der linken Presse, hat schon desöfteren Drohanrufe aus dem Umfeld des UMP-Kandidaten bekommen, nachdem sie Berichte über brutales Vorgehen der Polizei ausgestrahlt hatte.
Royal zeigte sich gestern Abend auf France 2 überraschend souverän und sehr überzeugend. Ihr wird oft nachgesagt, keine gute Rednerin zu sein, was man zumindest für ihre Meetings bestätigen kann, wo sie doch desöfteren an ihrer Textvorlage "klebt". Ihr einschläfernder Tonfall ist ein gefundenes Fressen für Stimmenimitatoren. Doch davon gestern keine Spur: Frei sprechend hinterließ die Sozialistin einen erfrischenden Eindruck, mit Entschiedenheit und Nachdruck in der Stimme antwortete Royal reaktionsschnell auf die Fragen der beiden Moderatoren.
In der gleichen Sendung überraschte Sarkozy heute zeitweilen negativ. Er, der eher als guter Redner bekannt ist, griff die beiden Journalisten von France 2 teilweise scharf an, als er sich in Bedrängnis sah. Dabei harkten die Journalisten nur wie üblich nach, stellten auch mal Schlag auf Schlag mehrere Fragen hintereinander, um interessante Antworten aus Sarkozy herauszukitzeln. Wie sie es auch gestern bei Royal getan hatten, die gefühlt eher öfter unterbrochen wurde.
Auf die Frage, ob Sarkozy, der auf alles eine Antwort zu haben scheint, auch manchmal Zweifel kenne, entgegnete er gereizt: "Halten Sie mich für ein Monster?" Als Sarkozy sich gerade eine Antwort für zwei, drei Fragen zurecht legte, auf die eine weitere folgte, unterbrach er: "Das ist jetzt schon die achte Frage." Schweißgebadet konnte sich Sarkozy angesichts der Reputation von France 2 ein ironisches Lächeln nicht verkneifen, als die Hauptmoderatorin einen Blick auf die Redezeit warf und meinte, es gelte die Gleichbehandlung beider Kandidaten zu beachten.
Die unterschiedlichen Eindrücke, die die beiden Kandidaten unter gleichen Bedingungen abgaben, machen das angekündigte direkte Fernsehduell der beiden am Mittwoch, dem 2. Mai, umso spannender. Nicht selten hört man, dass Sarkozy für diese Aufgabe der Geeignetere sei. Dabei wird allzu leicht vergessen, dass sich Royal schon bei der parteiinternen Investitur gegen zwei begabte Redner durchgesetzt hatte. Auch, weil sie in den drei organisierten Debatten glänzte.
In allen zwölf seit dem vergangenen Sonntag veröffentlichten Umfragen schlägt Nicolas Sarkozy seine Rivalin Ségolène Royal, sein Wert bewegt sich zwischen 51 und 54 Prozent. Eine morgen erscheinende Umfrage des Instituts CSA sieht Sarkozy bei 52 Prozent. Dabei verliert Sarkozy im Vergleich zur letzten Befragung 1,5 Prozent, die logischerweise Royal zu Gute kommen.
Interessant ist aber vor allem, wem die Wähler Bayrous ihre Stimme geben: 47 Prozent gehen an Royal, 35 Prozent an Sarkozy. Damit wäre die verbreitete Ansicht widerlegt, wonach sich zwei Drittel von Bayrous Wählerschaft schon zu gleichen Teilen auf einen der beiden Kandidaten festgelegt habe und es nun gelte, das dritte Drittel an Unentschlossenen zu erobern.
Aber auch für andere, sicher geglaubte Wählerstimmen muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die 1,5 Millionen Stimmen des linksextremen Besancenot gehen nur zu 66 Prozent an Royal, 27 Prozent enthalten sich. Am anderen Ende des politischen Spektrums wollen nur 61 Prozent der Front-National-Wähler Sarkozy wählen und immerhin 21 Prozent Royal, was für die Sozialistin 800000 unerhoffte Stimmen bedeuten würde.
Bis Mitte Februar war Eric Besson noch Nationalsekretär für Wirtschaftsfragen der Parti socialiste und fester Bestandteil von Ségolène Royals Wahlkampfteam. Nun hat Eric Besson am Wahlabend seine Unterstützung für Nicolas Sarkozy bekannt gegeben. Und das, ohne darin jeglichen Widerspruch zu sehen: "Ich bin ein linker Politiker [..., und Sarkozy] ist ein rechter Republikaner, der am besten die Werte verkörpert, an die ich glaube", erklärte Besson am Montag Abend vor 10000 UMP-Sympathisanten auf einem Wahlkampftermin Sarkozys in Dijon.
Dabei rückte sich Besson zum ersten Mal selbst ins Rampenlicht, als er für die Parti socialiste Anfang des Jahres ein Anti-Sarkozy-Pamphlet schrieb und den UMP-Kandidaten als "amerikanischen Neokonservativen mit französischem Pass" bezeichnete. Besson kritisierte Sarkozys Selbstinszenierung als "Sarko-Show", attestierte ihm ein "ausgeprägtes Ego, das den sowieso schon erhöhten Durchschnitt von Politikern bei weitem übertrifft" und verglich ihn mit George W. Bush. Das ist für französische Politiker seit dem Irak-Krieg eine regelrechte Beleidigung.
In seiner Pressekonferenz heute Nachmittag hat der Zentrist François Bayrou, unglücklicher Dritter des ersten Wahlgangs vergangenen Sonntag, wie erwartet keine Wahlempfehlung für die Stichwahl am 6. Mai abgegeben. Im Gegenteil, beide Kandidaten bekamen ihr Fett ab: Bayrou verglich Nicolas Sarkozy mit dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi (der übrigens offiziell Sarkozy unterstützt) und kritisierte seine Nähe zu den Mächtigen der Wirtschaft und der Medienbranche; in Ségolène Royals Programm sei der Staat omnipräsent. Gleichzeitig kündigte Bayrou die Gründung einer neuen "Demokratischen Partei" an, deren endgültiger Name noch nicht feststehe.
Beide Mitteilungen waren keine wirklichen Überraschungen. Mit seiner "weder links noch rechts"-Haltung gegen das politische Establishment wäre eine Wahlempfehlung, ganz gleich ob für Royal oder für Sarkozy, nicht glaubwürdig gewesen. Zugleich hätte sich die gerade massiv gewonnene Wählerschaft wohl sofort wieder von Bayrou abgewendet, hätte dieser das übliche Schema links-rechts wieder hergestellt und damit die Existenz einer dritten Kraft, die er ja selbst verkörpern will, verneint. Zudem las man immer wieder Einschätzungen, wonach die sehr gebildete Wählerschaft Bayrous sich noch weniger als andere Wähler von Wahlempfehlungen beeinflussen lasse.
Die Verkündung einer Wahlempfehlung des drittplatzierten Kandidaten der Präsidentschaftswahl war bisher üblich. Allerdings kamen, als Bayrous UDF noch im konservativen Lager verankert war, der Drittplatzierte und der Günstling der ausgesprochenen Präferenz meist aus derselben politischen Familie.
Dass Bayrou eine neue Partei gründet, um den gerade genommenen Schwung zu erhalten, konnte man nach Andeutungen des Europa-Abgeordneten Jean-Marie Cavada schon am Wahlabend erahnen. Mehrfach hatte sich auch Daniel Cohn-Bendit in diesem Sinne in die politische Debatte in Frankreich eingemischt. Gestern Abend trat er gar bei einer Wahlkampfveranstaltung von Royal auf. Cohn-Bendit nutzte die Gelegenheit, um seinen Freund Bayrou zur Unterstützung der PS-Kandidatin aufzurufen.
Von den insgesamt 44 472 867 in den Wählerlisten registrierten Franzosen haben 37 255 846 tatsächlich im ersten Wahlgang einen Wahlumschlag abgegeben. Darunter waren 535 096 ungültige Stimmzettel oder leere Umschläge. Die Wahlbeteiligung lag bei 83,77 Prozent. Dieser Wert wurde nur zweimal in der Geschichte der Fünften Republik übertroffen : 1965 bei der ersten Direktwahl des Präsidenten und 1974. Die Werte der zwölf Kandidaten in der Reihenfolge der erhaltenen Stimmenanteile:
Nicolas Sarkozy (UMP): 31,18%
Ségolène Royal (PS): 25,87%
François Bayrou (UDF): 18,57%
Jean-Marie Le Pen (FN): 10,44%
Olivier Besancenot (LCR): 4,08%
Philippe de Villiers (MPF): 2,23%
Marie-George Buffet (PCF): 1,93%
Dominique Voynet (Grüne): 1,57%
Arlette Laguiller (LO): 1,33%
José Bové (Altermondialiste): 1,32%
Frédéric Nihous (CPNT): 1,15%
Gérard Schivardi (PT): 0,34%
Die beiden bestplatzierten Kandidaten bekommen zusammen also gut 57 Prozent der Stimmen, während 2002 Jacques Chirac und Le Pen zusammen nur auf gut 37 Prozent kamen. Das hat natürlich verheerende Folgen für die "kleinen" Kandidaten, für die dieses Jahr durch sogenanntes strategisches Wählen zugunsten der aussichtsreichsten Kandidaten kein Platz mehr war.
So kommt es zu einigen historischen Niederlagen: Die Kandidatinnen der Grünen und der Kommunisten fügen ihren Parteien jeweils das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte zu, die Trotskistin Laguiller beendet ihre politische Karriere ebenfalls mit ihrem niedrigsten Wert überhaupt in sechs Präsidentschaftswahlen. Ihr Fall ist umso tragischer, als sie erst 2002 mit 5,72 Prozent ihren Spitzenwert erreicht hatte.
Die Jäger-Partei CPNT bekommt ebenfalls gut drei Punkte weniger als bei der letzten Präsidentschaftswahl. Der Kandidatur von Bové hätte man mehr Stimmen zugetraut, für seine Unterstützer ist das Ergebnis eine absolute Enttäuschung. Olivier Besancenot ist der einzige, der seinen Wert von 2002 (4,23 Prozent) annähernd halten kann, und das, obwohl ihm aufgrund der hohen Wahlbeteiligung für seine 4,08 Prozent fast 300000 Stimmen mehr nötig waren, als er 2002 erreichte.
Selbst ein relativ etablierter Kandidat wie Le Pen bekam die Folgen des "nützlichen Wählens" (vote utile) zu spüren. Das gezielte Werben Sarkozys um die Wähler des Rechtsextremisten hat Früchte getragen, der Präsident der Front national hat zum ersten Mal einen Stimmenrückgang im Vergleich zur vorangegangen Wahl verzeichnen müssen. Entsprechend verbittert zeigte sich Le Pen auch in seiner offiziellen Stellungnahme, in der er im Stile von "alle doof außer ich" erklärte: "Ich bin wohl einer Fehleinschätzung aufgesessen. Ich dachte, die Franzosen wären unzufrieden [angesichts niedriger Löhne und des Außenhandeldefizits], aber nein, ich habe mich getäuscht! Die Franzosen sind sehr zufrieden. Der Beweis ist, dass sie gerade die Parteien wieder an die Macht gewählt haben, die für die Situation Frankreichs verantwortlich sind."
François Bayrou schließlich erreicht einen sehr respektablen Wert. Er konnte seine Stimmenanzahl im Vergleich zu 2002 mehr als verdreifachen. Trotzdem dürfte auch der Zentrist den Umfragewerten von Mitte März hinterhertrauern, als er mit Royal gleichauf lag. Zudem schlug er ja in allen Meinungsumfragen Sarkozy in einer hypothetischen Stichwahl.
Die starke Bipolarisierung der diesjährigen Präsidentschaftswahl schlägt sich auch in den Wahlergebnissen in den einzelnen Regionen und Departements nieder. So scheint die Fokussierung auf zwei der zwölf Kandidaten, nämlich Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal, nicht die einzige Form der Zuspitzung zu sein. Vielmehr stehen sich längs einer diagonal Frankreich aufteilenden Linie der „sarkozystische“ Norden und Osten und der „royalistische“ Süden und Westen gegenüber.
Das Elsass ist ein Paradebeispiel für diese Beobachtung. Sarkozy erreicht hier gut 36 Prozent, Royal nur 17 Prozent. Damit hat sich sogar François Bayrou in der östlichsten Region Frankreichs auf den zweiten Platz vorgearbeitet. Er erreicht 21 Prozent. Jean-Marie Le Pen, der bei der letzten Wahl starke Ergebnisse im Elsass einfuhr, erreicht immer noch fast 14 Prozent und liegt damit locker über seinem landesweiten Ergebnis (10,83 Prozent).
Auch auf Korsika genießt Sarkozy einen großen Rückhalt. Satte 37 Prozent erreicht er auf der Insel, Royal liegt bei knapp 22. Das Departement 2B (Haute-Corse) ist das einzige, in dem Le Pen im Vergleich zu 2002 zulegen kann. Auf der gesamten Insel erreicht er 15 Prozent und tauscht somit den auf Landesebene erlangten Platz mit Bayrou, der mit 12 Prozent Vierter wird.
Ein ähnliches Bild ergibt sich ein paar Kilometer nördlich an der Mittelmeerküste. Beispielhaft sei das Departement Alpes Maritimes mit der Präfektur Nizza erwähnt, wo Le Pen 2002 mit 26 Prozent den zweitplatzierten Chirac um vier Punkte distanzierte. Hier kommt Sarkozy auf fast 44, Royal nur auf 18 Prozent.
Die Bretagne dagegen gehört zu den Gebieten, in denen Royal die meisten Stimmen der zwölf Kandidaten erringt. In drei von vier bretonischen Departements steht sie an der Spitze und erobert damit eine Region, die 2002 den UMP-Kandidaten Jacques Chirac gewählt hatte. Nur der Morbihan wählt Sarkozy. In seinem Heimatdepartement erreicht Le Pen interessanterweise nur 7 Prozent.
Sehr gut sichtbar wird die viel beschworene bipolarisation auch am Beispiel Paris. Beide Spitzenkandidaten gewinnen jeweils in 10 der 20 Pariser Arrondissements, wobei Sarkozy gar zwei Arrondissements erobern kann, in denen PS-Bürgermeister regieren. Royal kann einen anderen, historischen Erfolg verbuchen: Sie erreicht in Paris den besten Stimmenanteil ihrer Partei beim ersten Wahlgang einer Präsidentenwahl.
Die Grünen, die in Paris zusammen mit dem sozialistischen Bürgermeister Bertrand Delanoë regieren, verlieren im Vergleich zur Wahl 2002 sechs Punkte und kommen nur noch auf 1,5 Prozent. Le Pen verliert in der Hauptstadt fast 5 Prozent und erreicht 4,5 Prozent.
Andernorts in der Region Ile-de-France können die beiden Spitzenkandidaten erwartbare, aber nicht weniger eindrucksvolle Ergebnisse erzielen. Im Departement Yvelines bekommt Sarkozy fast 38 Prozent der Stimmen und damit 15 Prozent mehr als Chirac 2002. In der Präfektur Versailles, in Frankreich als bourgeois und katholisch verschrien, erreicht Sarkozy gar 47, Royal nur 16 Prozent.
Die schwerreiche 37000-Einwohner-Stadt Neuilly im Westen von Paris plebisziert ihren jahrelangen Bürgermeister Sarkozy mit 73 Prozent.
Umgekehrt sieht es in der banlieue populaire aus. Im Departement Seine-Saint-Denis erhält Royal 34, Sarkozy immer noch 27 Prozent. In Clichy-sous-Bois, wo die Unruhen im November 2005 begannen, gehen die Stimmen noch deutlicher auseinander (Royal 41, Sarkozy knapp 25 Prozent).
Erwähnenswert im Departement 93 ist vor allem der Niedergang der Kommunisten. Seit fast 40 Jahren regiert die Parti communiste im Conseil Général, trotzdem erreicht deren Kandidatin Marie-George Buffet nur 3,5 Prozent. Der Trotskist Olivier Besancenot landet mit gut 4 Prozent noch vor ihr.
Mitten im Herzen Frankreichs liegt das einzige Departement, in dem Sarkozy weniger Stimmanteile einfährt als sein Vorgänger Chirac 2002. Corrèze heißt die ländliche Ecke und Heimat des noch amtierenden Präsidenten. Die dortigen UMP-Stammwähler scheinen dieses Jahr Bayrou vorzuziehen, der sich in einigen Wahlkreisen von drei Prozent in 2002 auf fast 18 Prozent steigert.
Die Favoritin der Überseegebiete DOM-TOM ist Royal. Sie erreicht 41 Prozent und ist damit die einzige Kandidatin, die das Ergebnis ihrer Partei gegenüber 2002 steigern kann. Sarkozy kommt auf 35 und Bayrou auf 11 Prozent. Noch stärker als im restlichen Frankreich tauchen die kleinen Kandidaten in den Ergebnislisten weit abgeschlagen am Ende auf.
Die Tendenz der Hochrechnungen, die schon gegen 19 Uhr durchgesickert sind, hat sich bestätigt. Nicolas Sarkozy erreicht mit 30 Prozent fast sechs Punkte mehr als seine Rivalin bei der Stichwahl in zwei Wochen, die Sozialistin Ségolène Royal. François Bayrou bleibt, wie es seit Wochen alle Umfragen ergaben, der undankbare dritte Platz. Die vorläufigen Ergebnisse laut dem Innenministerium nach Auszählung von 63,52 Prozent der bis zu 44 472733 abgegebenen Stimmen:
Nicolas Sarkozy (UMP): 30,42%
Ségolène Royal (PS): 24,73%
François Bayrou (UDF): 18,33%
Jean-Marie Le Pen (FN): 11,34%
Olivier Besancenot (LCR): 4,38%
Philippe de Villiers (MPF): 2,55%
Marie-George Buffet (PCF): 1,90%
Dominique Voynet (Grüne): 1,56%
Frédéric Nihous (CPNT): 1,53%
Arlette Laguiller (LO): 1,48%
José Bové (Altermondialiste): 1,40%
Gérard Schivardi (PT): 0,38%
Auffallend sind die geringen Werte der "kleinen" Kandidaten, das strategische Wählen (vote utile, die nützliche Stimme) von aussichtsreichen Kandidaten scheint sich vor allem zu Gunsten von Royal durchgesetzt zu haben. Zum ersten Mal verliert Le Pen im Vergleich zur vorangegangen Präsidentschaftswahl, einige Wähler der Front Nationalscheinen auch "nützlich" gestimmt und sich für Sarkozy entschieden zu haben.
Jetzt geht es für Sarkozy und Royal darum, die Wähler der restlichen Kandidaten für sich zu gewinnen. Buffet und Voynet haben erwartungsgemäß sofort dazu aufgerufen, Royal zu wählen. Laguiller tat es ihnen gleich, obwohl die Trotskistin bei ihren fünf bisherigen Kandidaturen noch nie eine Empfehlung für die Stichwahl gegeben hatte. Und selbst Besancenot und Bové, scharfe Kritiker von Royal, die jegliche Regierungszusammenarbeit mit der Parti socialiste von vorneherein abgelehnt hatten, riefen unausgesprochen zur Wahl der PS-Kandidatin auf, indem sie die Stichwahl zum "Anti-Sarkozy-Referendum" erklärten.
Auf der rechten Seite des politischen Spektrums sieht die Situation ein bisschen anders aus. Sarkozy muss befürchten, schon einen Großteil der Protestwähler der Front national im ersten Wahlgang für sich gewonnen zu haben. Der harte Kern der überzeugten FN-Wählern könnte eine ungültige Stimme abgeben oder gar nicht erst zur Wahl gehen. Le Pen selbst jedenfalls will seine Wahlempfehlung am 1. Mai bekannt geben.
Alles dreht sich also um die gut sechs Millionen Wähler von Bayrou. Die Avancen der PS und der UMP begannen sofort nach den ersten Hochrechnungen, vor allem mit Sarkozys offizieller Stellungnahme zu den Ergebnissen um 20.30 Uhr. Bayrou hat noch keine Wahlempfehlung abgegeben, er würde damit ja auch seine Legitimation als dritte, unabhängige Kraft in Frage stellen. Aber vielleicht springt aus den Verhandlungen der beiden großen Parteien mit der UDF doch noch eine Wahlempfehlung für einen der beiden Kandidaten heraus.